Ein Mensch voller Lebensfreude

Thomas Lehn: 32 Jahre leben mit der Dialyse

Von Pia Steinbauer,

erschienen im Jahrbuch 2002 des Landkreis Mainz-Bingen

Thomas Lehn ist ein Mann voller Elan und Optimismus. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Beate bewohnt der Mittvierziger ein hübsches Häuschen in Ingelheim, mit einem blühenden Garten und zwei Stubentigern. Sein Beruf als DV-Kaufmann macht Thomas Lehn großen Spaß und als eines seiner Hobbies hat er sich den Computer mit all seinen technischem Zubehör auserkoren. Eigentlich führt Thomas Lehn ein Leben wie viele andere, wenn da die Dialyse nicht wäre.

Seit 32 Jahren ist Thomas Lehn Hämodialysepatient – ein Handycap. Das für ihn eigentlich keines mehr ist. „Ich habe die Dialyse im Kopf verarbeitet“, fasst Thomas Lehn sein Leben mit der regelmäßigen Blutwäsche zusammen.

Künstliche Niere

Da seine Nieren nicht mehr arbeiten, entfernt ein als künstliche Niere bezeichnetes Dialysegerät Sschlacken und Flüssigkeiten aus dem Blut. Dreimal pro Woche muss er sich für rund fünf Stunden an das Dialysegerät anschließen. Die Behandlung steht bei Thomas Lehn längst nicht mehr im Vordergrund. Er hat sie in sein Leben integriert. „Eigentlich ist die Maschine ein Teil von mir“, stellt Thomas Lehn mit einem Lächeln im Gesicht fest. Dass sein Leben mit der Dialyse auch nahezu unproblematisch und voller Lebensfreude sein kann, das will er auch an andere Dialysepatienten weitergeben. „Ich möchte anderen Dialysepatienten Mut und Hoffnung machen, dass man auch mehr als 30 Jahre mit einer künstlichen Niere recht gut leben kann.

Frühe Nierenprobleme

Eigentlich feiert Thomas Lehn seinen Geburtstag alljährlich zweimal. Da ist zum einen der Tag seiner Geburt - und dann der Tag, an dem ihm in akuter Lebensgefahr mit einer Hämodialysebehandlung gleichsam ein zweites Mal sein Leben geschenkt worden.
Schon seit seiner frühen Kindheit hatte Thomas Lehn, am 12.06.1956 in Gau-Algesheim geboren, mit Nierenprobleme zu kämpfen. Im Alter von fünf Jahren wurde ihm die rechte Niere entfernt. Mit strenger Diät und halbjährlichen Untersuchungsintervallen konnte seine linke Niere erhalten werden, bis er im Alter von 14 Jahren an eine schwere Lungenentzündung erkrankte. Diese schwere Erkrankung löste ein Versagen seiner zweiten Niere aus und brachte den Vierzehnjährigen in akuter Lebensgefahr, unmittelbar wurde er in die Mainzer Universitätskliniken eingewiesen, aber auf die dort eingesetzten Peritionaldialyse (Bauchfelldialyse) sprach bei Thomas Lehn nicht an. Gesundheitlich ging es ihm zusehends schlechter, so dass Ärzte und seine Eltern nur noch eine Möglichkeit sahen, eine Überweisung nach Heidelberg.

Rettung in Heidelberg

Die urologische Abteilung der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg war damals die einzige Klinik in Deutschland, an der schn Ende der sechziger Jahre bei Kindern die Hämodialyse eingesetzt wurde. Zunächst nur für die Vorbereitung von Nierentransplantation konzipiert, entwickelte sich die urologische Station unter dem Oberarzt Dr. H.W. Schüler im Laufe der siebziger Jahre zu einem der Zentrum für Kinderdialyse.
Für Thomas Lehn war die Urologie der Heidelberger Universitätsklinik die letzte Chance, sein Leben zu retten. In einem sehr bedenklichen Zustand wurde der junge Mann mit dem Hubschrauber nach Heidelberg geflogen. Er hatte keine Sehkraft mehr, sein Blutdruck lag bei 280 mmhg. Zudem war eine ausgedehnte Pericarditis eingetreten. Nach 36 Stunden Hämodialyse konnte er wieder sehen, nach 60 Stunden Dialyse hatte er 8 kg Flüssigkeit verloren und der Pericarderguss bildete sich wieder weitgehend zurück.
Dank der guten medizinischen und psychologischen Betreuung erholte er sich rasch. Anfangs durfte er nur an den Wochenenden nach Hause. Später fuhr ihn seine Mutter regelmäßig zur Dialyse nach Heidelberg.

Eine fast normale Jugend

An den dialysefreien Tagen besuchte Thomas Lehn die Schule, daneben erhielt er mit staatlicher Unterstützung Hausunterricht. Er machte seine Reifeprüfung und eine Ausbildung zum DV-Kaufmann. Bis heute blieb er dem Beruf treu, den er Vollzeit ausübt. Als er seinen Führerschein hatte, fuhr er nach der Arbeit dreimal in der Woche selbst nach Heidelberg zur Dialyse.
Thomas Lehn: „Ich behaupte, dass bei angemessener staatlicher und menschlicher, sozialer Hilfe durch Familie, Freunde, Lehrer, Schwestern und Ärzte, Jugendliche natürlich muss der eigene Wille da sein), trotz der künstlichen Niere fast wie Gesunde leben, sich weitgehend normal entwickeln und unter echter Rehabilitation voll in das Erwachsenenalter und Berufsleben integriert werden können.“

Heimdialyse

Seit 1983 dialysiert Thomas Lehn mit Unterstützung seiner Ehefrau Beate zu Hause.
Für das Dialysegerät und das erforderliche Zubehör hat sich Thomas Lehn ein eigenes Zimmer eingerichtet. Dort verbringt er drei Abende in der Woche , um sich mittels der künstlichen Niere sein Blut reinigen zu lassen. „während dessen Fernsehe oder lese ich“, beschreibt er den schon voll in den Alltag integrierten Ablauf der Hämodialyse.

Die Dialyse erfordert natürlich viel Selbstdisziplin. „ ich muss mich kaliumarm ernähren und darf nur wenig trinken“, erläutert Thomas Lehn. Aber das hat sich für ihn schon im Unterbewusstsein gespeichert.

Es geht mir gut

Obwohl sich Thomas Lehn schon für eine Transplantation hätte entscheiden können, bleibt er doch lieber noch bei der Dialyse. Für ihn bedeutet die Dialyse kaum Einschränkung. Sogar regelmäßige Urlaube sind keinerlei Problem. Durch die Heimdialyse ist er zudem räumlich und zeitlich ungebunden. Thomas Lehn ist dem Kuratorium für Heimdialyse angegliedert.
Volle Unterstützung, auch gerade in punkto Selbstständigkeit, erfuhr er immer durch seine Familie und seine Ehefrau.
Sehr am Herzen liegt es ihm, andere Dialysepatienten Mut zu machen, Mut zu mehr Annahme, Mut zu mehr Integration der Dialyse im Alltag.
Wer sich mit ihm in Verbindung setzen möchte, ist auf seiner Homepage: (http://www.thomas-lehn.de) herzlich willkommen.